Das Rätsel der Ankunft

Das Quietschen der Bremsen des Buses an der Endstation weckte den Mann aus der Lethargie. Der Fahrer schrie, als würde dieser einzige Gast ihn bedrohen:»Raus!«

Ohne das Wort zu verstehen, machte der Tonfall dem Reisenden klar, dass er gehasst wurde. 

Nebel verhüllte die Stadt. Undurchsichtigkeit, Trübnis, Kälte. An wie vielen Orten hatte ihm dieses Grau den Blick auf die Welt versperrt! Auch die Vergangenheit tauchte in den Nebelschwaden unter, die Zukunft fand keinen Anfang, die Gegenwart raubte die Hoffnung.

Ein Schlag gegen den Rücken warf den Mann zu Boden. Der Busfahrer hatte ihm den Rucksack nachgeworfen.

Um den Liegenden herum hatte sich sogleich ein Kreis von Neugierigen gebildet: Ihre Gesichter sahen aus, als trügen sie die gleiche Maske. Aufgeregt plapperten sie mit einer hohen Stimme, Küken sehr ähnlich. Das Ungewöhnliche der Situation versetzte sie in höchste Ekstase.

Der Ankömmling rappelte sich hoch, sobald er sich von seinem Schock erholt hatte. Er packte den Rucksack und lief eine lange, breite Straße entlang.

Außer Atem sank er in einem Park auf eine Bank. Langsam kehrten seine Kräfte wieder. Er schaute sich um. Durch den Nebel zeigten sich verwaschen Konturen von Wohnkomplexen. Hätte er nur eine Wohnung dort, selbst die kleinste wäre ihm ein Luxus. Er zitterte leicht, nicht wegen der Kälte, die spürte er schon lange nicht mehr, sondern aus Angst davor, nie in einer solchen Wohnung leben zu können. Dieses Gefühl fesselte ihn an die Bank. »Wozu weitergehen. Bleib hier bis zum Ende!«

Ein Mädchen hüpfte herbei und baute sich vor ihm auf.

»Hallo, wie heißt du?«, fragte der Mann.

Es reagierte nicht, sondern fixierte ihn mit gerunzelter Stirn.

»Warum schaust du mich so an?«

Der Mund des Mädchens verzog sich zu einem Lächeln.

»Was ist los?«

Kaum hatte er den Satz beendet, da kreischte Mädchen: »Hilfe, Hilfe!«, und warf sich auf den Boden. Von allen Seiten schossen Frauen auf die Bank zu, rissen das Mädchen hoch, schrien hochpiepsig unverständliche Wörter und schlugen auf den Mann ein.

Nach einigen Hieben gelang ihm die Flucht. Auf einer belebten Straße schlich er die Mauern entlang. Er hoffte, dadurch nicht aufzufallen. Bald bemerkte er, dass alle Leute auf die andere Straßenseite wechselten, wenn sie ihn sahen.

Woran erkennen sie, dass ich ein Fremder bin? Ich bin doch ein Mensch wie sie? Hab ich nicht Arme und Beine wie sie; Augen und Mund wie sie, Gefühle wie sie?

Hunger trieb den Mann in eine Gastwirtschaft.

Bescheiden wartete er auf eine der Bedienungen, die Speisen und Getränke austrugen. Nach einer halben Stunde stellte sich ein Kellner vor ihn hin. Ob er nicht gemerkt habe, dass er hier nicht herpasse. Verschwinden solle er.
„Wir haben für Leute wie Sie keinen Platz! Geschlossen«, fauchte ihn der Kellner an. Der Reisende – oder sollte man ihn Flüchtling nennen? – verstand die Worte der fremden Sprache nicht. In seiner Muttersprache äußerte er seine Wünsche: »Können Sie mir bitte ein Glas Mineralwasser bringen. Dann hätte ich gerne … «

Der Ober packte den Fremden am Arm, zog den Widerstrebenden durch das Lokal und stieß ihn hinaus in die Unwirtlichkeit der Straßen: »Raus!«

In einem Hauseingang weinte sich der Mann aus. Der Hunger setzte ihm zu.

Im Hinterhof eines Wohnblocks fand er in der Abfalltonne halbverfaultes Obst. Er stopfte es gierig in sich hinein. Eine Stimme ertönte: „Diebe! Fass, Prinz! Beiß ihn, Rex! Bring ihn mir, Pluto!“

Kräftiges Bellen kündigte mehrere große Hunde an. Gerade noch entkam der Mann über die Mauer.

Ihn beseelte der Wunsch, aus dieser verfluchten Stadt zu kommen. Die ersten Felder jenseits der Stadtmauer gaben bis zum Horizont braune Erdschollen frei. Eine Fortsetzung der innerstädtischen Trostlosigkeit. Der Mann schlurfte über das frisch gepflügte Feld. Einen Weg traute er sich nicht zu nehmen, weil er die Menschen meiden wollte. Er wanderte automatisch wie eine Aufziehpuppe über die braunen Erdmassen. Ganz in Trance schwebte er engelgleich dahin. Sein Verstand trübte sich, seine Schritte wurden schwerer, den drückenden Rucksack warf er ab.

Eine fröhliche Melodie riss ihn aus seinem Trancezustand.

Sie kam von dem Baum her, der einsam mitten auf dem riesigen Feld stand. Der Mann lenkte seine Schritte dorthin. Vielleicht fand er bei diesem Menschen Hilfe!

Je näher er kam, desto fröhlicher klang das melodische Pfeifen. Unter dem Baum lag, mit dem Rücken an den Stamm gelehnt, ein Mann. Alt musste er sein und schien zugleich jung. Er las in einem Buch und pfiff sich ein Liedchen.

“Ach, du bist es”, empfing ihn der Unbekannte. “Endlich angekommen!”

»Kennen Sie mich? Sie sprechen meine Sprache. Was für ein Glück. Sagen Sie mir bitte, wie ich am schnellsten diese Gegend verlassen kann.«

»Setz dich erstmal«, befahl der Weißhaarige. »Ich sollte hier auf dich warten.«

»Wer hat das befohlen.«

»Meine Güte, bist du noch jung! Warum willst du weg?«

»Die Stadt ist düster, und die Leute sind unfreundlich.«

»Warum hast du den vorletzten Ort verlassen?«

»Der war düster, und die Leute waren so unfreundlich.«

»Und den drittletzten Ort? Warum?«

»Der war …«

»… so düster und … blablabla!«

»Was wollen Sie von mir?«

»Du wolltest etwas von mir, nicht ich von dir!«

Dann schwiegen beide.

»Du willst eine der schönsten Städte der Welt mit den nettesten Menschen, die man sich denken kann, verlassen.«

“Schön vielleicht, wenn man hier geboren ist.”

“Nein, das hilft nicht. Es gibt nur einen Weg, aus dieser grauen Landschaft eine bunte zu machen. Und das gilt für jeden Ort der Welt.”

“Welchen Weg? Ich bin so müde. Ich brauche einen Platz, wo ich in Ruhe leben darf.”

»Es gibt ein Wort, wenn du es findest, wird alles hier zu einem wunderbaren Land.«

»Welches Wort? Bitte, sagen sie es mir.«

»Das kann ich nicht, Jeder Mensch hat ein anderes Wort. Meines nützt dir nichts. Du musst deines selber finden. «

»Aber wie macht man das? «

Der weise Mann stand auf: “Ich muss weiter. Meine Pflicht habe ich getan. Sieh dich vor! Hier, das Buch schenke ich dir.«

»Bitte, wie finde ich das Wort!«

Fröhlich pfeifend war der Philosoph bald aus dem Gesichtsfeld entschwunden.

Der Mann öffnete das Buch in der Hoffnung, darin sofort das wichtige Wort zu finden. Aber eine unverständliche Zeichenflut ließ ihn verwirrt das Buch gleich wieder schließen.

Er stand auf.

Er überlegte.

Er überlegte lange.

Er schlug den Weg zur Stadt ein.

 

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