Tanzen und Treten

 

AUF DER SUCHE NACH MORAL

Der Alte vom Berge, Weisheitsführer der Nachkommen einer Gruppe von circa fünftausend Menschen, die im 17. Jahrhundert als Verbrecher von der Erde mit alchemistischer Zauberei zum Hundsstern transformiert worden sind, verkündete seinem Volk, dass es viele Probleme gebe, die gelöst werden müssten. Allein schafften sie das nicht. „Wir brauchen eine neue Moral. Ich schicke Ratix, den besten Studenten der Universität, zur Erde. Dort, so habe ich gehört, würden die Berliner wegen ihrer hervorragenden Moral lange und glücklich leben. Als Weisheitsführer kann ich einmal im Leben eine Person zu Erkundigungen zur Erde schicken. Ratix, da hast du zehntausend Euros. Du hast von jetzt an zwölf Stunden Zeit. Zur Rückfahrt musst du an dem Ort, wo du gelandet bist, sein. Sonst bleibst du ewig auf der Erde. Leb wohl und viel Glück.“ Ratix stand am Brandenburger Tor in Berlin. Sein lautloses Schluchzen erregte die Aufmerksamkeit.

Gemetzels

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NeuGeburtstag

Sigurd N., Bewohner eines Appartements in der Seniorenresidenz „Sonnenblick“, erhob sich im Restaurant „Fünf Jahreszeiten“ in München und begann feierlich seine vorbereitete Rede abzulesen: „Liebe Schwester Ingrid, liebe Schwester Agnes, ich freue mich, dass Sie mir zu meinem neunzigsten Geburtstag die Ehre geben, mit Ihnen hier zu speisen als mein Dankeschön für Ihre Freundlichkeit, Umsicht und …“, als das Handy von Schwester Ingrid klingelte und sie sich

Gemetzel

Katzenjammer

Wolf Hamm

Katzenjammer
oder
Baby alone

Text zu dem Bild von Lovis Corinth: Das Trojanische Pferd

Ordnung

„Meise geht zur Meise, Fink zu Fink, der Storch zur Störchin, Feldmaus zu Feldmaus, Hausmaus zu Hausmaus, der Wolf zur Wölfin …«

Adolf Hitler: Mein Kampf, München 1933, S. 311

Der Weltvollender
Auf einem Matratzenberg lag ein Männlein unbestimmten Alters. Sein bleiches Gesicht schwamm unterschiedslos mit den grellen Fluten von Weiß von den Wänden, vom Boden und den Bettdecken. Ein Aktenkoffer mit einem roten Knopf stand etwas außerhalb der Reichweite der Arme des liegenden Mannes auf dem Bett. Leuchtend rot signalisierte eine Schrift auf ihm: „Nuclear football!“  

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Der Besuch des Kriegs

Der Besuch des Kriegs

Der Krieg tobte in Allürien. Niemand wusste, wer gegen wen kämpfte. Niemand wusste, warum er kämpfte. Niemand wusste, wer ihn anfing. Jedenfalls wütete der Krieg so richtig nach Herzenslust und bereitete allen große Freude, die außer dem Tod die einzige Belohnung war.
Bis zum Waldbauernhof Eichengrund im Dunkelwald drang er aus Pflichtgefühl vor. Nur wenig Spaß und Gewinn erwartete er dort, denn die paar Menschen in ihm vegetierten knapp über dem Hungertod dahin. Hart arbeitete der Vater im Wald und auf den Äckern und versorgte seine Frau und die vier Mädchen wenigstens so, dass sie keine Not litten. Ihre einfache Lebensweise erzeugte Seelenruhe, die das Böse fernhielt. Bescheiden, arbeitsam und frommherzenszufrieden lebten sie im Schutze der dunkelgrünen Tannen ihr Märchenleben.
In diese Welt fiel der Krieg ein, weil niemand verschont werden durfte, weil anderswo …

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Der große Gulo

Der große Gulo

Es war einmal ein Kind, das man den großen Gulo nannte. Ununterbrochen musste er irgendetwas zum Kauen zwischen den Zähnen haben. Seine Eltern, die Königin und der König, hatten alle Hände voll zu tun, ihm Kaubares vorzusetzen. Seine Essens-, Verdauungs- und Entleerungsgeräusche durchhallten das kleine Königreich, als wären sie die Nationalhymne. Spürte der Prinz auch nur den Anflug eines Hungergefühls, schrie und Vollen Text bei WH anfordern


„Wandlungen“

Der Dorfpoet Merkantil Reimer hatte sich auf dem Weg zum Sonntagsstammtisch im Wörterwald verirrt. Warum auch schreibt er an einem Gedicht über das Lob der Wandlungen. Die vier Buchstaben W A N D mit Vor- und Nachsilben blitzten und flitzten im Wörterlabyrinth lockend hin und her, um durch ihr Wandeln verwandte lyrische Seelen ins

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Des Menschen Weg

Vorbemerkung: Klotho ist die Spinnerin des Lebensfadens und eine der drei Moiren (Schicksalsgöttinnen). Der Hund, kynos, weist auf die Forderung der Kyniker nach naturnaher Lebensweise mit Triebberrschung hin.

Des Menschen Weg

Folge dem Weg, den Klotho, die Göttin, dir hat gesponnen.
Fliehe über das schreckliche Meer, dem Krieg lebend zu entkommen,
Hoffend auf milde Gaben und sichere Heimat in der Fremde.
Ruhe dort findet die Seele, hoffst du. Doch Klotho, die harte,
jagt dich durch viele Länder. Überall herrscht Unheil, das du hast
skrupellos bereitet, um deinen Hass und deine Gier zu stillen,
allen zu zeigen, wie gottgleich du, Rasender, die Welt vernichtest.
wirst, was du bist: ein Nichts.

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Lebensprotokolle

Geschichte zu dem Bild von Jochen Mühlenbrink: Freudenhaus, 2006, aus: Ausstellungskatalog Bittersüße Zeiten, Leerer Beutel, Regensburg 12.02.2017

Der ehemalige Stasi-Oberst Erich H. sitzt vor Bildschirmen von Überwachungskameras, die er heimlich in Wohnungen des Wohnblocks C, Eingang f, Flur 2 installiert hat. Er protokolliert, was er sieht und hört..

Wohnung 1: Bewohner Herr Klaus Wind (67), Rentner; Beruf: Hotelportier; Frau Edeltraut Wind (66), Beruf: Hausfrau.
15.00: Herr und Frau Wind sitzen am Wohnzimmertisch und hören im Radio den „Badenweiler Marsch“.

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